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04. November 2010


Fremdblut in der Freibergerzucht, Fluch oder Segen?


Es ist nicht sehr einfach über ein solches Thema sachlich und neutral zu schreiben, ohne dass man jemanden auf die Zehen tritt.

Welche Rasse hat, ausser den Vollblutarabern, nicht schon Fremdblut drin? Ich glaube, dass jede Rasse irgendwo im Pedigree, auch wenn dieser schon Jahrhunderte weit ist, eine Frischblutzufuhr hat. Bei der Freibergerrasse ist dieses Thema aktuell wie noch nie. Die ältere Züchtergenerationen, diejenigen die den Zweiten Weltkrieg als Kind oder als junge Menschen miterlebten, erzählten oft, dass in der Freibergerzucht fremdes Blut eingeflossen ist. In diesem Punkt haben sie recht, aber etwas haben sie ausser Acht gelassen: In ihrer Zeit lebte und arbeitete etwa ¾ der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Damals gab es noch keine leistungsstarken Maschinen. Entweder wurde alles mit Menschenkraft bearbeitet oder es stand bei einigen Bauern neben dem Ochsen noch ein Pferd im Stall, das als Arbeitskraft diente. Auch das Militär brauchte für die Kavallerie Reittiere. Somit mussten um diese Zeit etwa 10‘000 (Zucht)Pferde in der Schweiz gelebt haben. Bei einer so hohen Anzahl sind drei, vier Fremdblutzugaben in der Zucht nur ein kleiner Spritzer. Da damals sich nicht jeder ein Auto mit Anhänger leisten konnte, musste man sich mit dem Hengst begnügen, der in der Nähe stand. Heute sieht die ganze Sache anders aus: Der Bauernbestand verschwindet immer mehr, die Maschinen sind mit den neusten Technik ausgestattet, die Kavallerie existiert auch nicht mehr und auch auf die Pferde wirkt dieser Rückgang. So kann auf etwa 2500 gedeckten Zuchtstuten vier Fremdblutzugänge eine Rasse ganz verändern.


Kleiner Abriss in der Geschichte punkto Fremdblut

Die Geschichte der Freibergerrasse leugnet nicht, dass immer wieder fremdes Blut eingeflossen ist. Vom Shagya, Anglo-Normännern, Ardenner, Holsteiner, Shires, Selle Français, Vollblutaraber, Schweizer Warmblut bis zum Schwedenblut. Die drei Letztgenannten haben in der Freibergerzucht einiges verändert. Sie trugen zu neuen Hengstlinien bei. Die anderen Blutauffrischer haben sich als Hengstlinienbegründer nicht gross durchgesetzt. Entweder sind sie ausgestorben oder die Linie wurde nicht „geboren“. In manchen Stutenlinien sind aber ihre Namen anzutreffen.

Was war das Ziel dieser „Aktion“? Der Freiberger ist ein ausgezeichnetes und ideales Freizeitpferd. Doch es war noch nicht ein ganz einfach zu reiten. Es wurde Rittigkeit und etwas Gangqualität erwünscht.

Der Vollblutaraberhengst Dokryner ist im Jahre 1950 geboren, wurde aber erst im Jahre 1958 eingesetzt. Es wurde damals nur eine begrenzte Anzahl Stuten gedeckt. Er hat eine Linie gegründet, die Don- Linie, aber das war wohl nicht ganz das „Richtige“. Trotzdem konnte sich diese Linie bis jetzt behaupten. Es ist sicher ein ideales Distanzreitpferd für Einsteiger.

Mit den Schwedenhengst Aladin gelang der Freibergerrasse den Durchbruch zum Freizeitpferd. Eine neue Linie wurde geboren. Die L-Linie durch Alsacien.

Sein Halbbruder Nello (Beide haben den gleichen Vater) hat durch seinen Sohn Nelson die P-Linie gegründet. Diese ist nicht so gefragt, doch auch diese Linie hat sicher seine Qualitäten.

In den beiden Schweizer Warmblut - Halbbrüder Qui-sait und Noé, die auch in der Freibergerzucht eingesetzt wurden, fliesst durch dessen Adern das Aladinblut. Er ist der Urgrossvater mütterlicherseits. Ihre Linien sind blutgeprägt und stellen höhere Ansprüche. Sie sind mehrheitlich im Sportbereich anzutreffen.

Stutenseitig ist durch den Hengst Vulcain das Blut von Ivoire (SF) Ein Sohn von Ibrahim (SF) , der Urgrossvater, väterlicherseits, von Qui-Sait, etwas Frischblut eingeflossen. Ibrahim ist auch der Urgrossvater, väterlichseits von Noé, der Halbbruder von Qui-Sait.

1997 wurde das Zuchtbuch geschlossen und seitdem wird Reinzucht betrieben.


Gründungen neuer Institutionen und Verbände

Eine kleine Gruppe von Freibergerfreunden stellte fest, dass durch die Blutauffrischung die alten Linien verdrängt werden und somit auch einen grossen Teil ihrer Eigenschaften, die den Freiberger ausmachten. Es wurde eine Interessengemeinschaft zur Erhaltung der ursprünglichen Rasse des Freibergers im Jahre 1997 gegründet: Die IGOFM (Interessengemeinschaft zur Erhaltung des Original Freibergers). Der Schweizerische Freibergerzuchtverband (SFZV) hat die IGOFM als Institution anerkannt. Gemeinsam mit der Pro Specie Rara und des SFZV wurde ein Konzept erarbeitet. In der Herdebuchordnung des SFZV gibt es eine Sektion Basis. Unter Basis kommen alle Freiberger, die bis zu 2% Fremdblut haben. Faktorbasis bis zu 4% FB. Zusätzlich die sogenannte Begleitende Paarung zum Erhalt der gefährdeten Linien (PEBL). Doch für die PEBL sind einige Hürden zu überwinden. Besonders die Stutenwahl fordert hohe Ansprüche. Meine persönliche Meinung ist, ob dies wirklich nicht Fehl am Platz ist, Bedingungen zu stellen, wenn die ursprüngliche Rasse schon bedroht ist. Da zählt jedes Tier. Da sollte man nicht noch „Tüpfli schisse“! Sicher darf die Qualität nicht darunter leiden, aber die gegeben Ansprüche sind bei dieser (Basis)Stutenanzahl (ca. 250) doch etwas zu hoch. Grosse Erfolge waren nicht gerade zu verzeichnen. Die Originalen wurden trotzdem immer weniger. Potenzielle Hengstanwärter hatten trotz guter Qualitäten gegen ihre Artgenossen mit Fremdblut keine Chancen. Einige Züchter von Originalen resignierten und liessen ihre Stuten von Hengsten mit Fremdblut decken. Andere nahmen den Kampf weiter auf. Im Jahre 2008 wurde dann von ein paar Eingefleischten der Verband Reiner Rasse Freiberger (RRFB) gegründet. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde am Stuhl des SFZV gesägt. Gespräche wurden ersucht, Kompromisse erstellt. Es gab bei all diesen Sitzungen von beiden Seiten keine Einigung. Am Ende bekam der SFZV, weil diese schon seit über 50 Jahren die Herdebuchführung hat, vom BLW die Anerkennung und der RRFB ging trotz guter Argumente leer aus. Was lief bei ihnen nicht korrekt? Doch der neue Verband gibt sich nicht geschlagen. Die Fortsetzungen des Krimis laufen schon.

Analyse

- Die Schweiz hat das Rioabkommen zur Erhalt der Biodiversität unterschrieben. Darunter gilt auch die Erhaltung der Freibergerrasse. Das Zuchtbuch ist seit 1997 geschlossen, aber bis heute hat sich das Fremdblut nicht gesenkt, stattdessen ist sie am steigen. Vom gesamten Zuchtbestand nehmen die „Nuller“ nicht ganz 10% ! Etwa ein Drittel von denen ist im zuchtfähigen Alter.

- Das Ziel Rittigkeit und bessere Gangqualitäten in der Freibergerrasse sind schon längst erreicht. Anstatt wieder auf die ursprünglichen Qualitäten wie verhaltenes Temperament, Genügsamkeit, Anpassungsfähigkeit, guter Charakter, Robustheit und Gesundheit zu achten, wurde ein noch höheres Niveau aufgestellt. Der Freiberger mutiert dadurch vom Freizeit- und Familienpferd zu einem billigen Sportpferdersatz. Die Interessenten schauen nach einer anderen idealen Rasse für den Freizeitbereich um.

- Seit über 10 Jahren existiert die IGOFM, die bis heute ihr Anliegen nicht ganz 100%ig beim SFZV durchsetzen konnte. Die Verantwortlichen beim Verband haben damals die Lage nicht ganz ernst genommen. Erst durch die Gründung des RRFB wurde er richtig aktiv und suchte Lösungen.

- Der SFZV hat den Willen für die Erhaltung der Originalen, aber es fehlt trotz PEBL und Einführung der Kategorie „Basis“ an konkreten Zielen, Plänen, Konzepten und Durchsetzungsvermögen in den eigenen Reihen. Er braucht die volle Unterstützung der IGOFM und diese muss mehr Mitspracherecht punkto Zucht, Selektion, Körung, Feldtest und Prüfungen bekommen. Gleichzeitig müssen auch fähige Leute von der IGOFM an der Front stehen, d.h im Vorstand, Schauexperten, Prüfungsrichter etc.

- Punkto Fremdblut trägt nicht nur alleine der Verband die Verantwortung für die heutige Situation, sondern auch jeder Züchter ist mitverantwortlich. Darunter gehören nicht nur die sogenannten „Hobbyzüchter“ sondern auch die „Aktivzüchter“, die nach dem neuesten Trend gehen.

- Durch die Frischbluteinfuhr ist ein „Phänomen“ eingetreten, das fast in jeder Hengstlinie vorhanden ist. Da die neueren Hengstlinien alle vom selben Hengst (Aladin) abstammen und in den 80er Jahren nur auf diese Linie „gefahren“ wurde, weil dieses Blut, trotz gewisser Risiken, gute Erbeigenschaften hervorbrachte, haben viele Nachkommen in ihrem Abstammungsausweis mindestens 4 bis 5 Mal Aladinblut. Dies führt zu Inzucht und zu einem genetischen Flaschenhals. Tendenz steigend.

- Da der genetische Flaschenhals immer näher rückt, wird in gewissen Kreisen schon nach Frischblut gerufen, was zu fatalen Folgen in der Freibergerzucht führen wird. Wird dann Frischblut in die Rasse eingeführt, bedeutet das der endgültige Untergang der Rasse.

- Durch den Verband RRFB sind viele Leute, vor allem durch das Internet, gewarnt und werden zukünftig die Abstammungsausweise der Freiberger ganz genau unter die Lupe nehmen. Die Käufer werden tendenziell FM ohne Fremdblut kaufen.

- Leider sind die vielgerühmten „Nuller“ seitens RRFBs nicht in der Öffentlichkeit vertreten. Wo sind die Hengste mit ihren guten Manieren auf diversen Anlässen zu sehen? Wo kann man die qualitativen Stuten mit ihren Fohlen auf Veranstaltungen betrachten? Wo kann man ihre aussagenstarke Leistungen und talentierten Fähigkeiten bewundern?

- Es wurde an der Delegiertenversammlung der SFZV eine Statutenänderung angenommen, die eine separate Sektion beinhaltet, um die genetische Vielfalt zu Erhalten. Ein Anfang, eine Chance, die wahrgenommen werden muss. Auch Seitens des RRFBs

- Obwohl eine neue Sektion in der Herdebuchordnung speziell für „Nuller“ des RRFBs eingeführt wird, darf die Qualität nicht leiden! Genetische Züchtung und diese erhalten und fördern ist eine gute Sache, aber das „Produkt“ darf nicht unter Qualitätsmangel leiden. Sonst verliert der „Nuller“- FM endgültig seinen guten Ruf und dadurch leidet die ganze Freibergerrasse.

- Der SFZV darf die „Nuller“ trotz neuer Sektion nicht im Stich lassen, sondern mit besonderen Massnahmen helfen die Qualität zu erhalten und fördern. Denn am Ende braucht es in der Freibergerzucht alle Linien mit oder ohne Fremdblut.

- Der Bund will das Nationalgestüt schliessen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Beitragsgelder im Bereich Tierzucht. Falls dies der Fall sein wird, werden wohl auch für die Freibergerrasse die Gelder gestrichen. Da stehen der SFZV und der RRFB als gleichstarke Gegner. Wer macht hier das Rennen?



Fazit

Ob das Fremdblut in der Rasse ein Segen oder Fluch ist, kommt auf den Standpunkt an. Ein wichtiges Ziel muss einfach vor Augen gehalten werden: Der Freiberger soll ein Freizeitpferd sein. Er ist für Familie und „Einsteiger“, der dies mit dem Charakter auch beweist, geeignet . Er ist von Personen, die mindestens das Grundwissen der Pferdehaltung haben, einfach einzureiten oder einzufahren . Wer im Sport auf (inter)nationalem Parkett seine Karriere machen will, sind Sportpferde, die speziell dafür gezüchtet werden, vorhanden. ( Ich spreche hier nicht von kleinen Freizeitprüfungen um die ersten Sporen zu verdienen oder von Zuchtwertprüfungen). Hätten die damaligen Verantwortlichen den drohenden Verlust eines aussergewöhnlichen Charakters der einzigartigen Rasse durch (zu) viel Frischbluteinfluss gestoppt und trotz neuer Linien den Fremdblut mit klaren Konzepten drastisch auf Null gesenkt, dann gäbe es heute keine (emotionale) Spaltung im Zuchtverband und kein Hahn hätte danach gekräht, wenn einer der Linie in den vergangenen Jahren Frischblut aufweist. Denn das eigentliche Ziel ist schon längst erreicht: Dem Freiberger eine Verbesserung der Rittigkeit und eine deutliche Gangqualität ohne Verlust der anderen Qualitäten.
Es gibt Lösungen und Konzepte, aber es müssen sämtliche Parteien, auch der Verband RRFB, ihre Opfer bringen. Um die Rasse wieder ihren gerechten Ruf zu geben, müssen alle, in der Latrinensprache, den Finger endlich aus dem, pardon, Arsch nehmen! Es ist 2 Minuten vor Zwölf! Jetzt heisst es in die Hände zu spucken und Taten zu vollbringen! Der Freiberger ist ein Schweizer Kulturgut mit jurassischen Wurzeln, das wir für die nächsten Generationen erhalten müssen.

Zum Schluss von mir ein paar Vorschläge, die durchführbar wären:

- Einen Dachverband mit zwei Sektionen: Eine Sektion ohne Blut, eine Sektion mit Blut, die „Kategorien“ werden getrennt gerichtet, selektioniert, gekört, haben aber ein gemeinsames Herdebuch. (Bei der Rindviehhaltung hat es auch einen Dachverband mit verschiedenen Sektionen.)-> Teilweise erfüllt durch die Abstimmung der DV 2010

- Zielsetzung: Senkung des Fremdblutes auf erster Stufe 12,5%, auf 2. Stufe auf 6,25% und auf dritter Stufe auf Null. Da braucht es eine Definition bei der Fremdblutbestimmung nach der Kommastelle. Ab wann ist der FB nicht mehr relevant und kann ein FM als „Nuller“ bezeichnen? Somit wäre die Aussage mit dem Frischblut in der FM-Zucht gerechtfertigt. Gleichzeitig müssen 1/3 der Hengstanwärter „Nuller“ sein, ohne dass die Qualität verloren geht und in Avenches gekört werden, um die Senkung zu beschleunigen. Aber bitte noch heute und nicht mehr weitere 10 Jahren verstreichen lassen! Denn wenn man von 100% auf 0,00% Fremdblut heruntersenken will, dann verstreichen 15 Generationen, sofern man die weiblichen Nachkommen mit drei Jahren decken lässt und immer einen „Nullerhengst“ nimmt.

- Hengstselektionierung gezielt auf Linien berücksichtigen. Keine Linie darf überborden. Jede Linie hat gleichviele Hengste mit verschiedenen Genvarianten. Von 200 Hengsten auf 11 Linien, wären dies etwa 18 Hengste pro Linie.

- Jahreszahlgrenze ändern. Von 1950 auf 1958. Grund: Doktryner wurde erst im Jahre 1958 in die FM- Zucht eingesetzt und hat eine Linie gegründet. Eine neue Ära, steht in den Freibergerbüchern und die meisten Leute können besser verstehen.(Eselsbrücke)

- Inzuchtkoeffizient einführen und den maximalen Prozentsatz bestimmen. Jeder Stutenbesitzer erhält eine Liste mit den gekörten Hengsten und dem Prozentsatz des Inzuchtgrades auf die Stute. (Um das Risiko zu vermindern, dass nicht zu nahe Verwandtschaft gezüchtet wird.)

- Änderungen in den Zuchtwertprüfungen. Profis, Amateure und Einsteiger getrennt klassieren(wie beim Fussball: Liga A, B, C) anstatt die Pferde. Dadurch gibt es einen Effekt von noch spezifischerer Beratung eines Pferdeverkaufs an den Kunden.

- Einführung einer Mutter mit Fohlen - Zuchtwertprüfung in den Sparten Holzrücken, Gymkhana, Fahren und Western (Springen, Dressur?). Dadurch könnten zukünftige Hengstanwärter oder Hengstmütter durch das Verhalten im Parcours beobachtet und eventuell vorselektioniert werden. Denn neben dem Exterieur ist der Grundcharakter eine Eigenschaft des FM. Ausserdem können Fohlen an potentielle Interessenten vermittelt werden und dadurch eine Marktplattform erweitern. Im weiteren Sinne wäre diese Prüfungsart eine weitere Werbung für den Freiberger.

- Junioren-/Veteranengruppe (siehe andere Sportarten) einführen.

- Und anderes….


Den Fortschritt kann niemand aufhalten, aber um diesen erzielten Erfolg zu erlangen, dürfen wir den ursprünglichen Grundstock nicht vernachlässigen und es ist unsere Pflicht ihn für weitere Generationen aufrecht zu erhalten


Empfehlende Nachschlagewerke:

Der Freiberger, das Schweizer Pferd von Urs Weiss und Fritz Heinze. Ein sachliches Buch über die Geschichte , Nutzung und Zucht.



Nutzung der Freiberger- Zuchthengste von Jean-Pierre Graber. Ein Muss für jeden Züchter! Es sind alle Linien beschrieben und aufgezeichnet.

Erhältlich im Shop der IGOFM oder beim SFZV

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Anfangs Februar 09 wurde ich vom Fasnachtskomitée Nuglar angefragt, ob ich dieses Jahr wiederum am Umzug der Dorffasnacht mitmachen würde. Mit einem knapp dreijährigen Pferd schon an die Fasnacht, fragte ich mich? Ich zögerte! So beschloss ich etwas auszuprobieren. Da ich wusste, dass Guggemusikcliquen auf der "Sichtern" Marschübungen durchführten, fuhr ich mit der Kutsche bewusst in dieser Gegend. Gleichzeitig nahm mein Mann auf den Wagen den Kassettenrecorder mit Fasnachtsmusik mit. Doch anscheinend war just an diesem Tag keine Guggeclique zur Marschübung unterwegs. So drehte kurzerhand mein Mann das Radio mit der Musik auf voller Lautstärke. Verwundert lauschte Enya den ungewohnten Lärm, aber ansonsten reagierte sie kaum. Sie zog den Wagen, ohne einen Gang schneller zu werden. Ihre Mutter Lorena "tanzte" im Takt der Musik. Spaziergänger, die wir unterwegs begegneten, amüsierten sich. Doch da! Was für Töne sind in der Ferne zu hören? Eine Pfyffer- und Trommelgruppe! Als sie uns sahen, hörten sie sofort auf zu spielen. Sie nahmen an, dass die hohen Töne der Piccolos für die Pferde nicht gerade ohrenfreundlich sind. Wir riefen ihnen zu, dass sie weiterspielen sollten. Sie folgten unsere Bitte und beide Pferde reagierten im geringsten. Somit waren wir überzeugt, dass es am Umzug in Nuglar klappen würde. Um ganz sicher zu gehen, liess ich etwa vier Tage lang während der Fütterung den Recorder mit Fasnachtsmusik laufen.


Dann kam der grosse Tag: Mein Mann bereitete den Wagen vor und ich die Pferde. Das Wetter war nicht gerade rosig. Eine Mischung von Schnee und Regen und ziemlich kalt. Doch welch ein Glück! Eine Stunde vor Umzugsbeginn hörten die Niederschläge auf, aber die Luft blieb nasskalt. In den Strassen dröhnte die Fasnachtsmusik und die Wagencliquen waren mit ihrem lauten Getöse auch nicht zu überhören. Wir entschieden für den Ungarischen Jagdwagen und ich schirrte den Pferden sicherheitshalber das Brustblattgeschirr mit den Scheuklappenzaumzeug an. Enya hatte dieses Geschirr erst zum dritten Mal an. Normalerweise fuhr ich mit dem Bündnerkummet. Ich spannte meine beiden "Frauen " ein und wir fuhren los. Kaum wollten wir in die Dorfstrasse einfahren, begegneten wir eine Guggenclique, die spielend zum Ausgangspunkt marschierte. Das ist die erste Probe für Enya. Schliesslich ist es ein Unterschied, wenn die Musik live oder aus dem Radio gespielt wird. Aber Enya blieb gelassen. Beide Pferde standen ruhig in der Verzweigung und machten keine Anstalten zu flüchten oder scheuen. Nachdem wir eine kleine Aufwärmrunde machten, reihten wir uns ein. Traditionell fuhren wir als letzter Wagen. der sogenannte "Bäsewaage". Da weiss jeder, dass nach uns niemanden kommt. Dann kam der Umzug in Bewegung. Vor uns war ein Wagen mit einer Konfettikanone. Sie machte zuerst einen lauten Knall und danach regnete es Konfetti. Ich war auf die Reaktion des junges Pferdes gespannt. Doch anscheinend war ihr der Lärm egal und es störte auch nicht als die Konfettis über ihren Kopf rieselten. Links und rechts säumte sich eine Menschenmenge und mancher Knirps kam an die Räder der Kutsche gefährlich nahe. Sie wollten alle ein Bonbon oder eine Rose. Beide Pferde blieben bei dem Getöse gelassen und zogen die Kutsche mit einer stoischer Ruhe gemächlich durch den Weg. Enya passte auf, dass kein Kind überrumpelt wird. Auf dem Dorfplatz standen die meisten Leute. Alle drängten an die Wagen und wollten etwas erhaschen. Mancher Zuschauer konnte es nicht lassen und streichelte einer der Pferde. Die Fasnachstmusik hallte durch die Strassen und die hupenden Wagen waren auch nicht zu überhören. In diesem Augenblick knallten einige Knallfrösche! Doch die Pferde standen in der Menge mit einer Colness, als würden sie dies jeden Tag machen.
Nach dem Umzug fuhren wir wieder nach Hause, schirrten die Pferde ab und brachten sie in die Boxe zurück. Die Extraportion "Rüebli" haben sie verdient. Ich war auf die "Kleine" stolz. Sie war knapp drei Jahre alt und schon ging sie an der Fasnacht wie ein Profi.
An der Fasnacht 2010 waren wieder dabei. Diesmal hatte ich wegen dem frühen Datum der Fasnacht kaum Zeit fürs Vorbereiten. An der Fasnacht fuhren wir mit dem ländlichen Wagonette und Bündnergeschirr ohne Scheuklappen. Trotz Rummel, Lärm, Getöse, Kälte, rennende Kinder, schritten unsere Pferde mit einer Gelassenheit und Ruhe durch den Umzug. Der vordere Wagen hatte eine " Riesenrätsche". Dieses Ding machte einen Höllenlärm, sogar für meine Ohren. Doch beide Pferde liessen sich nicht aus dem Konzept bringen. Wenn Kinder Bonbons auf der Strasse auflassen, blieben sie solange stehen bis das letzte Kind sein Bonbon fand. Da konnte ich lange "Hü" rufen. Sie blieben einfach stehen und gingen erst, wenn die Strasse frei war. Wenn es mit der Sucherei zu lange ging, dann zupfte Enya sanft am Kostüm des Kindes, damit das Kind die Strasse wieder frei machte.
Wenn solche Freiberger ohne Probleme und ohne irgendwelche Beruhigungsspritzen an einer lärmigen Veranstaltung teilnehmen, dann sind dies die besten Charakter. Das ist die beste Werbung! Jeder Freiberger, der diesen sanftmütigen Charakter und Colness besitzt, sollte zur Zucht eingesetzt werden.

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Soraya (Elysée II / Eiger) , 0% FB, Jahrgang 2007 , die Vollschwester von Enya , Besitzer : Norbert Solenski, Ottersberg / Deutschland, Züchter: Familie Saladin, Büren / SO, Schweiz, hat bei der Aufnahme ins Stutbuch der Kaltblutrasse in Niedersachsen (Deutschland) den 1. Rang gemacht und ist gleichzeitig Staatsprämienstutenanwärterin!

Wir gratulieren den Besitzer und seiner Stute

Die beste Werbung für den Freiberger!

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Zu Gast an der DV des SFZV


Anmerkung der Autorin: Dieser Bericht sollte eigendlich im FM-Magazin Juni 2011 veröffentlicht werden. Da es aber nicht erschien, fragte ich nach. Die erste Anwort via Mail kam am 08.07.2011:


Sehr geehrte Frau Saladin,

Vielen Dank für ihren Beitrag. Wir sind immer froh eine Rückmeldung zu haben. Leider ist ihres Text noch nicht veröffentlich. Für die Ausgabe von Juni ist es zu spät gekommen. Der Redaktionsschluss war am 18.05.2011. Für die Ausgabe von Juli, haben wir leider kein Platz mehr wegen den National FM. Ich hoffe es in die Ausgabe von August zu publizieren.

Mit freundlichen Grüssen

Maurice Page
Magazine FM



Am 19. Juli 2011 bekam ich ein zweites Mail. Hier die Kopie:


Guten Tag Frau Saladin

Wir haben Ihr Bericht mit grösster Interesse gelesen. Wir haben zur Zeit keine Rubrik damit die Züchter Ihre persönliche Einschätzungen mitteilen können (eine Art „Lesebrief“). Somit informiere ich Sie, dass wir Ihren Bericht leider nicht publizieren können.

Ich danke für Ihr Verständnis und verbleibe

Mit freundlichen Grüssen
Stéphane Klopfenstein
Gérant / Geschäftsführer


Fédération suisse d'élevage du cheval des Franches-montagnes
Schweizerischer Freibergerzuchtverband
Les Longs Prés
Case postale 190
CH-1580 Avenches


Mein Bericht:

Ich war als Gast an der DV der SFZV, weil an diesem Tag wichtige Informationen über die Zukunft der Freiberger und eine Entscheidung getroffen wurden. Der Vorstand präsentierte ein kompaktes Strategieprojekt über die Förderung, Zucht, einheitliche Linie unter der Züchterschaft und Vermarktung für die nächsten paar Jahre. Die Strategie ist mit den Möglichkeiten gut durchdacht. Schade, dass sie nicht schon im Jahr 1997 eingeführt wurde, als das Herdebuch geschlossen wurde. Ausserdem haben die Delegierten eine Sektion Zugunsten der „Urfreiberger“ im grössten und ganzen einstimmig zugesagt. Ein Meilenstein in der Geschichte der Freibergerzucht.

Chapeau und Standing Ovation zu diesem mutigen Entscheid!

Ich gratuliere der Untersektion RRFB zu diesem Erfolg. Als gleichwertiger Partner sind sie jetzt sehr stark in die Öffentlichkeit gerückt und auf ihre Schulter liegt eine grosse Verantwortung, die die Zukunft der Basispferde bestimmt. Ich hoffe, sie meistern mit pflichtbewussten und repräsentative Vorstandsmitglieder diese schwere Bürde und verstummen durch zuverlässige Leistung und qualitative Zuchttiere von verschiedenen Linien aus sämtliche Gebiete die Stimmen der Kritiker.

Den SFZV gratuliere ich für diese mutige Wahl und hoffe, dass sie neben den neuen Strategien die alten Ziele nicht aus den Augen verlieren und weiterhin dieses wichtige Projekt der Basispferde im Sinne des Rioabkommens und der geschlossenen Herdebuch weiterhin fördern und in sämtlichen Situationen wie in der Zucht, Vermarktung und Dienstleistungen tatkräftig unterstützen und bei Problemen unter die Arme greifen.

Der Freiberger wird trotz modernen Linien als plump und klobig kritisiert, aber genau dieser Typ macht ihn so einzigartig und unterscheidet deutlich gegenüber den anderen Rassen. Er wird nicht als ein gewöhnliches Reit – und Fahrpferd eingestuft. Der Freiberger ist wie ein Überraschungs-Ei. Optisch mag er nicht eines blutgeprägten und edlen Rassenverwandten zu vergleichen, aber der Inhalt ist mehr als Gold wert! Ein kräftig und massiver gebauter Körper. Er trägt den Kopf selbstbewusst mit imposanten Hals stolz auf seiner Schulter. Ein taktreiner Gang, der den muskulösen Körper federleicht schwingen lässt und den Anschein gibt, dass er fliegen könnte und somit vielseitig einsetzbar. Sein Charakter: Ruhig, gelassen, leistungsstark, willig, zuverlässig, urchig und bodenständig.

Einst sagte Martin Luther King an ein Rede: I have a dream! Dies kann sehr gut für die Freibergerzucht gelten: Durch die Einhaltung des Rioabkommens ist in absehbarer Zukunft der Fremdblutanteil auf den verschiedenen gleichmässig verteilten Hengstlinien mit unterschiedlichen Genvarianten auf 0% und einem tiefen Inzuchtgrad gesenkt. Utopie? Nein, Es ist realisierbar mit Hilfe der Züchter, die die Reinzucht und die Marke „Freiberger“ erhalten, des Verbandes, der diese Ziele klar im Auge behalten und führen und des Nationalgestüts, das mit gutem Beispiel vorangeht und sämtliche Genressourcen der verschiedenen Linien erhaltet.

Der Freiberger ist ein typisches Marktprodukt Made in Switzerland. Es wiederspiegelt die Schweizer Heimat mit einem Hauch jurassischem Charme.


Nachtrag: Geschrieben am 08.12.2011


Meine Erwartungen und Hoffnungen wurden jäh begraben. Ich fühle mich als Freibergerhalter vom Verband und von der Untersektion vergackeiert. Einerseits wurden kaum Informationen weitergeleitet, anderseits entstanden Pannen, die vermeidbar wären oder Kopfschütteln auslösten. Nach dem letzten "Akt" über das Thema CLF, das ein Kapitel für sich ist und für viel Gesprächstoff sorgt, ist in meinen Augen der Freiberger gestorben., egal was nachher kommt..